Bei strahlendem Sonnenschein am nächsten Morgen, wirkte unser Lagerplatz längst nicht mehr so unheimlich wie am Vorabend. Als wir nach der gewohnt eiskalten Morgenwäsche, mit frischem Kaffee in der Sonne saßen, war es erstaunlich gemütlich. Noch wussten wir nicht, was für atemberaubende Landschaften an diesem Tag vor uns lagen. Der Weg führte entlang eines Flussbetts und war gesäumt von mächtigen Schneeablagerungen. Mehrere Meter hoch türmten sich die Schneemassen. Kurz bevor wir Sicht auf den Hårteigen, eine der höchsten Erhebungen und Wahrzeichen der Hardangervidda, hatten,  scheuchten wir ein Schneehuhn auf. Von weithin sichtbar, war schon der Hårteigen allein ein beeindruckender Anblick. Doch noch überwältigender war der Rundumblick. Im Süden ging der Blick über schneebedeckte Gipfel und Seen. Direkt vor uns lag das Auenland. Zu unseren Füßen erstreckte sich eine fruchtbare Flusslandschaft. So weit das Auge reichte, lief ein silbriges, verästeltes Band und wand sich durch das grüne Tal. Am Horizont zeichnete sich das gewaltige, schneebedeckte Plateau des Hardangerjøkulen, des Gletschers der Hardangervidda, ab. So sahen wir zum ersten Mal das Ziel unserer Reise – welches zu diesem Zeitpunkt noch über 100km und somit bestimmt fünf Tagesmärsche entfernt war. Unser Etappenziel, die Selbstversorgerhütte Hadlaskard am Fluss Veig, war damit jedoch lange noch nicht erreicht. Der Weg zog sich stundenlang durch niedriges Buschwerk. In Hadlaskard angekommen, deckten wir uns mit Vorräten ein. Es gab sogar frisch gebackenes Brot bei der netten Hüttenwartin zu kaufen. Sie war an diesem Tag die vierte Person, mit der wir uns unterhielten. Ein junger Norweger sowie ein Pärchen aus München hatten wir auf unserem Weg bereits getroffen. Unsere Etappe endete an diesem Tag in einigen Kilometer Entfernung, etwas oberhalb der Hütte: Die Landschaft unmittelbar am Fluß war so sumpfig und damit mückenverseucht, dass dort an zelten nicht zu denken war.