Finse sollte der Endpunkt unserer Hardangervidda- durchquerung sein, nicht jedoch unserer Wanderung: Wir entschlossen uns, schon am nächsten Tag wieder aufzubrechen. Ursprünglich hatten wir geplant, ein, zwei Ruhetage nach der Durchquerung einzulegen, doch Finse lud nicht gerade dazu ein, länger als nötig dort zu verweilen. Unser nächstes Ziel war der drei Tagesmärsche entfernte Aurlandsfjord. Der Weg führte durch das Aurlandstal, von dem wir bereits im Vorfeld gehört hatten, das dies eine der schönsten Touren Norwegens sein sollte. Dieser Aussage kann ich nicht widersprechen – Nach der kargen und unwirtlichen Landschaft rund um Finse, erwartete uns im Aurlandtal das grüne Land der Feen und Kobolde: Wir bahnten uns unseren Weg durch ein Meer mannshoher Blumen, vorbei an zahlreichen kleinen Wasserläufen und Regenbögen die an nasser Felswand schimmerten; wir liefen durch kleine Birkenwäldchen und durchquerten eine in Gold getauchte Klamm. Haukes trockener Kommentar dazu: Das ist mir fast zu kitschig hier. Ständiger Begleiter durch das Aurlandtal war die Sonne; Schnee, Regen und Nebel hatten wir in Finse hinter uns gelassen. Hinter mir gelassen hatte ich in Geiteryghytta, der wohl schönsten Unterkunft auf unserer Reise – wir übernachteten im Snøull- Zimmer, leider auch meine Regenhose. Dies verlängerte unsere Tagesetappe um einen schmerzlichen Umweg von drei Stunden – wir konnten ja nicht wissen, dass es in unserem restlichen Urlaub nicht mehr regnen sollte – und führte zum ersten und einzigen Streit auf unserer Reise. Das gute Wetter und die beeindruckende Landschaft sorgten jedoch dafür, dass der Ärger am nächsten Tag wieder verflogen war. Vor allem dem anhaltenden Sonnenschein hatten wir sehr amüsante Begegnungen zu verdanken, zieht es die gemeine Norwegerin doch vor, nicht möglichst funktional, sondern knapp bekleidet: Ich sage nur Hotpants an Spaghettiträgertop und Diskopalme, die Landschaft per pedes zu erkunden.

Mit diesen adretten Wanderbekanntschaften hatte ich am dritten Tag unserer Wanderung, als wir den Aurlandfjord erreichten, nicht viel gemein: Auch die idyllischste Wanderung ist nach 12 Tagen auf den Beinen ein hartes Stück Arbeit. Entsprechend abgekämpft litt ich mit einem schmerzenden Oberschenkel bereits an ersten Ausfallerscheinungen. Ich möchte den Gebrauch von Superlativen nicht überreizen, doch scheint mir für die Beschreibung des Aurlandfjordes folgendes Adjektiv am treffendsten: majestätisch. Auf einer Schiffstour erkundeten wir Aurlands- und Naeroyfjord und selbst die chinesischen Touristenmassen konnten Hauke und mir das Erlebnis nicht verleiden (Obwohl wir in der Tat froh waren, als diese nach halber Strecke von Bord gingen.). Besonders beeindruckte mich die ungewöhnliche Landschaft: Während wir uns auf dem offenen Wasser befanden und einem Seehund sowie einem kleinen Wal begegneten, ragten um uns herum steil die Bergflanken empor. Einzelne Häuseransammlungen drängten sich auf dem schmalen Uferstreifen.