Ich bin schon etwas früher wach als Kati, also schnappe ich mir meine Kamera und schleiche mich aus dem Zelt. Wir haben an einem langgestrecken Hang einige hundert Meter von einem kleinen Teich gezeltet. Mit dem Zoomobjektiv kann ich sehen, dass neben dem Teich ein rotes Zelt steht, wir waren also nicht allein. Unten im Tal kann man schon erahnen, wo Kvikkjokk liegt, zwischen den Bäumen glitzert das Wasser des Flusses, an dem der Ort liegt.
IMG_1256Nach dem Frühstück packen wir unsere Sachen zusammen und brechen zu unserer letzten Etappe auf. Wir wollen allerdings vorher noch den kleinen Teich nutzen, um uns zu waschen. Die Bewohner des roten Zelts, welches ich in der Früh entdeckt hatte, waren auch schon im Wasser. Die beiden Jungs kommen aus Kassel und sind gestern erst aufgebrochen. Sie sind in Kvikkjokk gestartet und wollen zwei Wochen im Sarek verbringen. Als sie sich verabschiedet haben, ziehen wir uns aus und springen ins Wasser. Der Teich ist flach und hat einen dunklen Boden, das Wasser ist also nicht besonders kalt und die Sonne scheint mittlerweile auch schon wieder recht stark vom Himmel. Nach einer ausgiebigen Morgentoilette brechen wir dann endgültig Richtung Kvikkjokk auf. Es gibt keinen Weg, aber es ist klar, dass man sich immer auf dem Rücken des Hangs, der sich in unzähligen Terrassen in Richtung Waldrand im Tal erstreckt, halten muss. Von oben sah es eigentlich so aus, als ob man nur etwa eine Dreiviertelstunde über eine Wiese laufen müsste. Da der Boden aber nicht so eben ist, wie er aus der Entfernung aussah, wir ununterbrochen kleine Hügel und Mulden passieren, und die Wiese auch keine Wiese ist, sondern von knöchelhohen Zwergbirken bewachsen ist, zieht sich der Weg dann doch ziemlich lang hin. Wo hätte auch plötzlich die Wiese herkommen sollen, der Untergrund war ja die ganze vorherige Woche eigentlich auch nicht anders. Nach zwei Stunden erreichen wir ein verlassenes Rentier-Gehege, hier treiben die Sami wohl einmal im Jahr ihre Herden zusammen. Wir klettern durch den kaputten Zaun und durchqueren das Gatter, um den Weg abzukürzen. Uns hat in den letzten Tagen keiner gesagt wo wir lang gehen dürfen, damit fangen wir heute auch nicht mehr an. Hinter dem Gehege beginnt ein schmaler Trampelpfad, dem wir folgen. Das heißt, Kati läuft in dem Pfad und ich daneben. Er ist nämlich relativ ausgelatscht und nur so breit, das ich bei jedem Schritt entweder links oder rechts an der kleinen Kante hängen bleibe. Ich müsste die Füße hier genau voreinander setzen aber das ist mir mit über 20 Kilo auf dem Rücken zu anstrengend.

Plötzlich sehe ich etwas im Gestrüpp, bleibe abrupt stehen und gebe Kati ein Zeichen sich auch nicht zu bewegen. Da sitzen vier winzig kleine Vögel mitten auf dem Weg und rühren sich ebenfalls nicht. Sie sind wunderbar getarnt und scheinen das auch zu wissen. Wir können bis auf zwei Meter an sie herangehen, ohne dass sie sich bewegen. Ich nehme meine Kamera, lege mich auf den Boden und mache Fotos von den kleinen, reglosen Tieren. Man kann sehen, dass sie sehr aufgeregt sind, darum ziehen wir uns zurück. Wir verlassen den Weg und umlaufen die Tiere.
IMG_1267Nun erreichen wir den Waldrand. Besteht der Wald zuerst nur aus Birken, ändert sich der Baumbestand dann doch immer schneller und wir streifen durch einen dichten Nadelwald. Es ist sehr warm und schwül, die Mücken fangen an penetranter zu werden und wir haben kein Wasser mehr. Wir haben nicht damit gerechnet, dass der Weg noch so lang ist, hätten aber auch sowieso keine Möglichkeit gehabt, die Flaschen aufzufüllen. Es kann aber nicht mehr sehr weit sein. Ich laufe ein wenig vor, weil mir mit dem Gepäck das langsame Bergabgehen schwerfällt. Ich muss dann immer den Schwung, den ich gerade aufnehme, wieder abbremsen, was mich viel Kraft kostet. Also laufe ich vor und warte dann auf Kati, die dann wieder auf mich aufläuft. Dann wird das Gelände flacher: Wir kommen an einer Wiese, auf der ein großes Haus steht, vorbei und erreichen das Ufer des Flusses, der uns von unserem Ziel – der Fjaellstation in Kvikkjokk, trennt. Es gibt hier keine Brücke, darum sind wir auf den Fährmann angewiesen, der laut Wanderführer drei mal am Tag Wanderer aufsammelt und an das andere Ufer bringt. Der Fährmann heißt, wie sich dann herausstellt, Björn. Björn kommt mit freiem Oberkörper in einem Kanu auf uns zu gepaddelt und fragt, ob wir auf die andere Seite wollen. Er kann uns in dem Kanu nicht mitnehmen sagt er, aber er würde sofort zurück paddeln und das richtige Boot holen. 10 Minuten später ist er wieder da, das richtige Boot ist nicht viel größer, hat aber einen Motor und einige Schwimmwesten an Bord. Björn hilft uns mit den Rucksäcken und fährt los. Er erzählt von dem ungewöhnlich warmen Sommer und davon, dass er uns, wenn wir wollen, gerne sein Kanu borgen könne, es gäbe eine tolle Lagune in der man baden kann. Wir sollten morgen einfach nach Björn fragen, oder unten am Wasser nach ihm suchen. Wir werden am nächsten Tag und bei 32°C auf dieses Angebot zurückkommen.

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Am gegenüberliegenden Ufer angekommen, zeigt uns Björn den offiziellen Zeltplatz und bringt uns zur Fjaellstation. Wir beschließen aber, uns für eine Nacht ein Zimmer zu nehmen. Wir wollen duschen, uns bekochen lassen und in einem richtigen Bett schlafen. Es sieht sehr gemütlich in der Stube der Station aus, und wir treffen auch die beiden Schweizer wieder, mit denen wir uns vor drei Tagen schon so nett unterhalten hatten und verabreden uns zum gemeinsamen Abendessen.

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