IMG_3173Der Schweiß läuft mir den Rücken runter und meine Ärmel sind mittlerweile komplett nassgeschwitzt. Es ist deutlich wärmer als ich noch heute morgen gedacht hatte. Als ich um kurz nach fünf das Haus verließ hatte ich noch meinen Hoody über dem langärmligen Wollshirt. Jetzt laufe ich, 4 Stunden später, zwischen den Latschen herum und schwitze wie die Sau. Ich bin auf dem Weg zur 2749 Meter hohen Birkkarspitze, auf der ich heute Nacht gerne schlafen möchte. Mit dem ersten Zug bin ich, zu nachtschlafender Zeit, nach Hall in Tirol gefahren. Ich will nicht über Scharnitz und das Karwendelhaus aufsteigen, sondern von Süden aus. Dafür führt mich die Route von Hall zur Bettelwurfhütte, durch das Lafatscher Joch, runter zum Halleranger Haus und dann weiter zur Kastenalm. Hinter der Kastenalm beginnt erst der Aufstieg zur Birkkarspitze.

IMG_3183 Die Bettelwurfhütte liegt auf 2070m. Als ich sie erreiche, ist die Terrasse fast vollbesetzt. An einem Tisch, an dem schon zwei Frauen sitzen, finde ich noch einen letzten Platz. Es ist mittlerweile Mittagszeit und ich habe Hunger. Die Portion Spinatknödel, die ich wenig später vor mir auf dem Tisch stehen habe, ist so groß, dass ich ernsthaft überlege mir einen Knödel für das  Abendbrot einzupacken. Am Nebentisch sitzt eine fünfköpfige Männergruppe und erzählt sich und allen anderen, die es nicht hören wollen, ihre Heldengeschichten. Sie haben nur sehr leichtes Gepäck dabei und sehen mit den Laufhosen, den dicken Pulsuhren und den Trailschuhen schnell aus. Wenig später verabschieden sie lautstark und verschwinden in die Richtung in die auch nachher aufbrechen will.

Meine Tour ist relativ lang und ich darf nicht trödeln, wenn ich nicht in die Dunkelheit geraten will. Da ich den Aufstieg zur Birkkarspitze nicht kenne, will ich es auf jeden Fall vermeiden mit Stirnlampe aufzusteigen. Ich habe aber auch ohnehin keine Lust mehr, denn auf der Terrasse geht es weiterhin zu wie auf dem Rummel. Darum halte ich mich nicht länger auf und mache mich, 15 Minuten später, auch wieder auf den Weg. Hinter der Hütte führt der Weg auf gleichbleibender Höhe nach Westen, zum Lafatscher Joch. Am Joch teilt sich der Weg. Nach Süden kann man wieder in das Inntal absteigen, nach Norden geht man unterhalb der steil aufsteigenden Spackkarspitze bis zum Hallerangerhaus. Hier treffe ich auch die fünf Sportskanonen wieder, die sich mit ihren Handys selbst fotografieren oder mit Mutti telefonieren: „Ja Schatz, wir sind vorsichtig. Nein es wird nicht zu spät. Ich ruf gleich an wenn wir unten sind.“. Sauber Jungs!

Nach dem ich den Weg nach Norden eingeschlagen habe, kommen mir wenig später einige, von zahlreichen Kühen umgebene, Männer entgegen. Es ist Mitte September und ganz offensichtlich Almabtrieb. Die Kühe sind zwar nicht geschmückt, ich höre aber aus einer Unterhaltung heraus, dass mehr Tiere vom Berg hinab, als im vergangenen Frühling hinauf gebracht wurden. Offensichtlich wurden über den Sommer Kälbchen geboren. Ich überlege, ob man einfach keinen Wert auf den traditionellen Schmuck gelegt hat, oder ob mehr Kühe geboren wurden als verunglückt sind. Warum ich nicht einfach nachfrage weiß ich nicht.

Der Weg vom Hallerangerhaus bis zur Kastenalm ist ein sehr steile Forststrasse. Sie ist sogar hinunter unangenehm zu gehen. Mir kommt eine Gruppe Mountainbiker entgegen, die ihre Bikes den Weg hinauf schiebt. Ob es an der Steilheit des Weges oder an der körperlichen Konstitution der Gruppe liegt, lasse ich mal offen, wahrscheinlich liegt die Wahrheit aber irgendwo in der Mitte. Beeindruckt bin ich dann aber von der Familie die mir kurz darauf entgegen kommt. Sie schiebt ihre Bikes zwar auch, aber Junior ist höchstens 5 Jahre alt und sein Bike hat 20 Zoll Reifen und maximal 8 Gänge. Sein Vater zieht noch einen Anhänger in dem Juniors kleine Schwester sitzt. „Das sieht nicht nach Spass aus!“, rufe ich ihnen im vorbeigehen zu. „Geht ja nachher wieder bergab“, antwortet Vattern lachend. So geht’s also auch, denke ich.

Wenig später komme ich an die Kastenalm und finde wenige Meter weiter den Steig in Richtung Norden, der mich, laut Wegweiser und Karte, zur Birkkarspitze führen soll. Es ist mittlerweile 16:30 und der Wegweiser sagt mir, dass ich es vor der Dunkelheit nicht mehr bis zum Gipfel schaffen werde. Wenn ich aber jetzt keine großen Pausen mehr mache und mich auch etwas ranhalte, sollte es trotzdem passen. Es ist heute den ganzen Tag über warm gewesen und ich habe mal wieder nicht viel getrunken. Das recht sich jetzt langsam. Mein Mund ist staubtrocken und meine Flaschen bald leer. Auf der Karte kann ich sehen, dass der Steig, irgendwo weiter oben, noch einmal einen Bach queren wird. Darauf muss ich mich jetzt verlassen. Eine gute Stunden später und keine Minute zu früh, komme ich an die ersehnte Stelle, wobei Bach wohl noch etwas übertrieben wäre. Das Rinnsal reicht aber aus, um zu trinken und dann die Flaschen wieder aufzufüllen. Ich habe zwei Platypus Trinkbeutel dabei, also genau zwei Liter. Die Dinger wiegen keine 30gr, sind ziemlich haltbar und klein zu verstauen, wenn sie leer sind. Bei Eintagestouren unter normalen Bedingungen reicht das eigentlich immer aus. Wenn ich aber schneller unterwegs bin, es sehr warm ist und ich abends auch noch kochen will, ist das immer etwas knapp bemessen. Ich werde in Zukunft noch einen oder zwei Beutel mehr mitnehmen, beschließe ich.

Ungefähr 45 Minuten später erreiche ich mein Ziel. Die Biwakschachtel steht nur knapp unter dem Gipfel der Birkkarspitze. Irgendjemand hat hier ein kleines grün-weißes Kinderfahrrad hoch gebracht und neben dem Eingang an der Wand befestigt. Direkt darüber hängt ein Verkehrsschild, „Radfahren verboten“, das gleiche Schild wie auch am Notunterstand am Mittenwalder Höhenweg, sehr originell. Ich betrete die Hütte, und platze in eine kleine intime Kochsession hinein. Auf dem kleinen Tisch, in der Mitte der Hütte, stehen Kerzen, Weinflaschen, frische Paprika, Butter und ich weiß nicht was noch alles. Am Tisch sitzt ein Pärchen und schnippelt und kocht. Ich glaube wird sind alle drei enttäuscht, heute nacht nicht allein zu sein. Gleich bei unserer Begrüßung behaupten wir aber alle artig das Gegenteil. Währen die beiden noch am vorbereiten sind, hole ich meinen Benzinkocher raus und mach mir eine Packung AdventureFood warm. Für mich hat sich das gefriergetrocknete Zeug bewährt. Es ist leicht, schnell zubereitet und schmeckt auch ganz ordentlich, jedenfalls dann wenn man weiß welche Sorte man kaufen kann. Gegen frisch gekochtes kommt es aber natürlich nicht an, nur im Punkt Gewicht.

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Der Blick nach Westen

Nach dem Essen und in den letzten Sonnenstrahlen geht es auf den Gipfel. Aus zu zweit, romantisch Sonnenuntergang gucken wird heute nichts. Tut mir irgendwie leid. Aber ich schleppe auch nicht meiner ganze Fotoausrüstung durchs Karwendel um dann einem verliebten Pärchen den Vortritt zu lassen und in der Hütte sitzen zu bleiben. Also kraxeln wir zu dritt die letzten 50 Höhenmeter zu Birkkarspitze hinauf. Am Gipfel angekommen, stelle ich fest, dass ich ohnehin nicht der einzige Störenfried gewesen wäre. In einen Schlafsack und einen Biwaksack gehüllt, sitzt bereits jemand unter dem Kreuz. Ich denke: „Tja, auch Du bist heute nicht allein, Freundchen!“. Vielleicht stört es aber außer mir auch niemanden und ich bin der einzige Misantroph hier oben!? Der Sonnenuntergang ist dann jedenfalls spektakulär, die Fernsicht ist der absolute Hammer und ich kann ein paar tolle Aufnahmen machen. Ich bin versöhnt und nehme mir vor, das Ganze, morgen früh, auf jeden Fall zu wiederholen. In der Dunkelheit kraxeln wir drei wieder hinunter. Der Kollege im Biwaksack bleibt am Gipfel sitzen. Er will hier oben übernachten. Die wiederholte Einladung, mit nach unten in die Biwakschachtel zu kommen, schlägt er aus, er will es wissen.

IMG_3241-HDRNachts um 12:30, wir haben schon ungefähr 2,5 Stunden geschlafen, rumpelt es an der Tür. Jemand kommt schlotternd in die Hütte und legt sich mit seiner Isomatte auf den Fußboden. War scheinbar doch etwas kalt da oben, denke ich und schlafe wieder ein. Im Verlauf der Nacht, wache ich dann aber doch noch einige Male auf, weil sich unter mir, auf dem Fußboden, in dem knisternden Biwaksack, hin und her gewälzt wird. Ich nicke aber immer wieder weg. Als ich dann irgendwann mal wieder wach werde und auf die Uhr schaue, stelle ich fest, dass der Sonnenaufgang kurz bevor steht. Ich ziehe mich an, nehme meine Kamera und das Stativ aus dem Rucksack und schleiche mich aus der Hütte.

Am Gipfel angekommen, fängt das spektakel gerade an. Langsam wird das Karwendeltal, zwischen kleinem Arhornboden und der Falkenhütte, in ein kitschiges rot-orange getaucht. Vor zwei Wochen war ich die Strecke noch im Rahmen des Karwendelmarsches gelaufen, von hier oben habe ich es aber noch nie gesehen. Ich bleibe eine gute Stunden auf dem Gipfel und fotografiere. Und: ich bleibe allein, die anderen schlafen glücklicher Weise noch, es ist herrlich! Als ich wieder nach unten steige, sind die drei Nachtgefährten noch immer nicht aufgestanden. Das kann ich nicht verstehen, die Zeit um den Sonnenaufgang herum und die kurze Zeit danach, wenn alles in den Bergen langsam aufwacht, ist für mich mit Abstand die schönste. Wie kann man das freiwillig verschlafen?

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Der Blick nach Osten

Jetzt habe ich Hunger. Mein Kocher ist leider relativ laut aber darauf nehme ich jetzt keine Rücksicht. 8:00 ist eine zumutbare Zeit, finde ich. Es gibt Haferflocken mit Milchpulver, Zimt und Zucker. Hat sich auch bewährt, kleines Packmaß ausreichend Kalorien, süß und warm. Langsam erwacht man in der Hütte zum Leben. Als ich aufgegessen habe, packe ich meine Sachen und verabschiede mich. Im Aufstieg, also meinem Abstieg, befinden sich mittlerweile zahlreiche Bergsteiger. Sie kommen vermutlich alle direkt vom Karwendelhaus. Den Sonnenaufgang habt ihr schon verpasst Freunde. Der Abstieg ist im oberen Teil unangenehm vereist. Es hat vor zwei Wochen schon einmal kurz auf 2000 Metern runtergeschneit und hier ist es liegen geblieben und platt getreten worden.

Mein ursprünglicher Plan war es, über die Ödkarscharte, die Breitgrieskarscharte und die Pleisenhütte nach Scharnitz zu laufen. Nach dem gestrigen Tag, fühle ich mich aber irgendwie angezählt und ich habe auch schon wieder kein Wasser mehr. Das stellt auf der Strecke aber ein echtes Problem dar. Es gibt nicht eine einzige Möglichkeit an Wasser zu kommen. Ich kenne die Strecke, ich bin sie im vergangenen Herbst schon einmal, von der anderen Seite her, gelaufen. Es ist sehr einsam und wirklich toll aber ich habe damals bestimmt acht Stunden gebraucht und das werde ich heute nicht ohne Wasser versuchen. Also steige ich zum Karwendelhaus ab. Es fühlt sich ein bisschen nach einer Niederlage an aber als ich am Wasserhahn meine Flaschen auffülle und den ersten Liter, gleich so ohne abzusetzen, ausgetrunken habe, weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war.

Der Weg vom Karwendelhaus, aus dem Karwendeltal hinaus, bis nach Scharnitz ist gefühlt 100 Kilometer lang. Vor zwei Wochen bin ich ihn, ohne Gepäck und in Laufschuhen entgegengesetzt, in ziemlich genau zwei Stunden gelaufen, heute brauche ich fast vier. Ich lege aber auf der Hälfte des Weges auch eine halbstündige Pause ein, lege mich direkt am Bach ins Gras und esse meinen Proviant auf. Es kommen mir heute unendlich viele Mountainbiker entgegen, unter ihnen auch eine beachtliche Anzahl mit elektrischer Unterstützung. Wanderer sehen ich bis Scharnitz genau vier, und eine große Kreuzotter.

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