Auf dem schmalen Pfad, der vom Kaisertalhaus hoch zur Ellmauer Halt führt, entdecke ich heute zum ersten Mal Gamslosung. Die kleinen schwarzen Bohnen glänzen in der Sonne, sie scheinen noch recht frisch zu sein. Ich bin jetzt erst auf etwa 1000 Meter Höhe aufgestiegen und der Wald ist noch dicht. Hier stehen sogar noch Laubbäume. Eigentlich hatte ich erst oben in den Latschen mit Gämsen gerechnet. Aber jetzt bemühe ich mich doch leise zu sein. Wenige Minuten später kann ich es dann sogar riechen: Gamsböcke markieren ihr Review, indem sie mit Hilfe einer Drüse, die zwischen ihren Hörnern sitzt, ein Sekret verbreiten. Obwohl die Brunftzeit eigentlich erst im November ist, kann man es also auch jetzt schon vereinzelt riechen. Jetzt versuche ich, nicht mehr auf Äste zu treten und ruhig zu atmen, um möglichst unbemerkt zu bleiben und, um mich herum alles gut hören zu können. Und da ist er auch schon. Der Gamsbock steht weniger als fünf Meter von mir entfernt im Gebüsch. Er wendet mir den Rücken zu und hat mich tatsächlich noch nicht bemerkt. Ein letzter vorsichtiger Schritt in seine Richtung, das Tier dreht den Kopf zu mir und ich höre das typische Pfeifen. Dann ist es im Gebüsch verschwunden.

Als ich etwas später aus dem Wald herauskomme und vor mir der Scharlinger Boden liegt, halte ich kurz an. Ich hole die Kamera mit dem Teleobjektiv aus dem Rucksack und krame auch mein Tarnnetz heraus. Es ist eigentlich gar kein richtiges Tarnnetz, sondern ein grünes Halstuch aus einem Netzmaterial, das so groß ist, dass man es sich gut umhängen kann, um seine Konturen etwas zu verwischen. Ich bilde mir ein, dass es hilft etwas länger unentdeckt zu bleiben. Vielleicht unterschätze ich die eleganten Vierbeiner aber auch kolossal.
Der Scharlinger Boden ist ein großer, grüner Kessel, der direkt oberhalb der Latschengrenze und direkt unterhalb der steilen Felswände von Sonneck, Kleinem Halt und dem Gamskarköpfl* liegt.

Es ist übrigens immer eine gute Idee in Wanderkarten nach Ortsbezeichnungen wie Gamskar, Gamsanger usw. zu suchen. Ein Kar wurde mit Sicherheit nicht zufällig oder weil es so schön klingt Gamskar genannt.

Als ich vorsichtig in den großen Kessel hineinschaue, sehe ich auf Anhieb rund 25 Tiere. Sie stehen in der Herde zusammen und fressen. Zwischen mir und ihnen gibt es einige Hügel, Senken und größere Felsblöcke. Es ist also ideal, um sich noch weiter zu nähern ohne sofort bemerkt zu werden. Wenn man sich Zeit lässt und immer mal wieder still sitzen bleibt kommt man so häufig dicht heran und kann gut fotografieren. Eine Viertelstunde dauert es, dann sitze ich endlich in unmittelbarer Entfernung hinter einem Felsen und schaue ihnen einfach zu. Es sind viele Junge dabei, eins wird gerade von seiner Mutter gesäugt.

Das Wetter verschlechtert sich, so wie es auch angesagt war. Die Wolken werden merklich dichter, es kommt Wind auf. Also mache ich mich wieder auf. Mein Ziel ist die Babenstuber Hütte, direkt unter dem Gipfel des Ellmauer Halt. Die Hütte steht direkt unter einem großen Felsblock und bietet Schutz für drei bis Bergsteiger. Außer einem Tisch und zwei Bänken gibt es keinen Komfort, bei gutem Wetter hat diese Unterkunft aber trotzdem deutlich mehr als fünf Sterne verdient.

Bald darauf habe ich nur noch etwa 50 Meter Sicht. Es hat angefangen zu regnen und die Steine sind naß und rutschig. Ich verringere mein Tempo und werde vorsichtiger. Wenn man alleine bei so einem Wetter in den Bergen unterwegs ist, sollte besser nichts passieren. Einfach nur umzuknicken wäre jetzt wirklich gefährlich. Es ist natürlich nie toll, aber jetzt würde die nächsten Stunden sicher niemand vorbeikommen. Eine Stunde vor Sonnenuntergang stehe ich dann endlich vor der Hütte. Es ist kalt geworden, also ziehe ich mir als erstes etwas trockenes an: Wolle auf die Haut und Daunen direkt drüber. Dann werfe ich den Kocher an und mache mir einen Tee. Kurze Zeit später, zum Sonnenuntergang, reißen tatsächlich die Wolken noch einmal kurz auf. Die kleineren Gipfel um die Ellmauer Halt herum werden vereinzelt sichtbar, während sich die Wolken in der Ferne rot von der Sonne einfärben lassen.
Nach dem kurzen Spektakel zieht es mich in die Hütte. Hier ist es windstill und damit auch deutlich wärmer als auf dem Gipfel, auf dem der Wind einen schnell ausgekühlt. Um zum Sonnenaufgang wieder wach zu sein, krieche ich bald darauf in den Schlafsack und versuche zu schlafen.

Es hat über Nacht geschneit, nicht besonders viel, aber es ist um die Hütte herum weiß gepudert. Wo die Schneefallgrenze liegt, kann ich nicht sagen. Die Sicht beträgt wie höchstens 30 Meter. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Schnee, aber hier oben auf den glatten Steinen noch eine dünne, glatte Schicht zu haben finde ich nicht so toll. Der Weg zur Gruttenhütte ist steil und zum Teil auch recht ausgesetzt. Eigentlich wollte meine Freunde Ursula und Günther auf der Hütte überraschen, aber unter diesen Umständen schreibe ich doch lieber eine SMS: „Starte jetzt (07:30) an der Bubenstuber Hütte. Es ist glatt, darum brauche ich sicher 2h. Gruß Hauke“. Wenn etwas passiert, wäre es beruhigend zu wissen, dass man zeitnah vermisst wird.
90 Minuten später bin ich an der Hütte, es ging doch besser als gedacht. Es hatte zwar in der Zwischenzeit angefangen zu regnen aber es ist dabei nicht so glatt wie befürchtet. Ursula ist in der Küche, die vom Feuer im Ofen schön warm ist. Ich bekomme gleich einen Kaffee und setzte mich zu ihr. Es sind noch keine Gäste auf der Hütte, vermutlich werden es heute auch nicht viele werden. Das Wetter ist ziemlich genau so schlecht angesagt gewesen wie es sich beim Blick aus dem Fenster tatsächlich darstellt.
Ein Frühstück, drei Kaffee und eine Linsensuppe später, beschließe ich das Angebot von Ursula und Günther anzunehmen und über Nacht zu bleiben. Ich bin gerade wieder trocken und kann mir überhaupt nicht vorstellen, wieder oben über den Kaiser zu klettern, auf der anderen Seite klitschnass auf mein Rad zu steigen und dann nach Kufstein zu fahren. Es ist hier einfach zu gemütlich.

Es gibt ein großartiges Frühstück! Brot, Marmelade und Bergkäse, aber auch Müsli mit Joghurt und frischem Obstsalat. Wir sitzen noch eine ganze Zeit zusammen bis ich mich auf den Weg mache. Es ist heute tatsächlich trocken, nur die Wolken hänge wieder so tief, dass die Sicht schlecht ist. Trotzdem entdecke ich die Herde Gämsen sofort, nachdem ich erst einen kurzen Moment den Berg in Richtung Ellmauer Tor hinaufgestiegen bin. Etwa 20 Tiere stehen direkt auf dem grasbewachsenen Hügel mit dem Gipfelkreuz, der hinter der Hütte liegt. Durch die Wolken sieht man nur ihre Silhouetten. Manchmal sieht man sie für einen kurzen Moment ganz deutlich, dann werden die Wolken dichter und sie verschwinden im Nebel.
Plötzlich stehen, in einer Mulde verborgen, weitere Gämsen. Es ist eine ähnlich große Gruppe wie die vorherige, nur dass ich viel dichter an ihnen dran bin. An einem großen Stein am Wegesrand setze ich mich einfach ruhig hin und beobachte sie. Meine Kamera habe ich bereits eben schon aus dem Rucksack geholt, da ich mit weiteren Sichtungen gerechnet hatte. Ein paar ältere Tiere drehen sich kurz unbeeindruckt um, wenden sich dann aber schnell wieder der Nahrungsaufnahme zu. Auch als ich vorsichtig aufstehe und mich langsam noch weiter nähere bleiben sie unbeeindruckt.
Eine Viertelstunde später mache ich mich wieder auf den Weg. Dieser wird jetzt immer schmaler und steiler. Erst geht es durch ein Schotterfeld, dann zwischen engen Felsen immer steiler den Berg hinauf. Vereinzelt sind stark ausgesetzte Stellen mit Stahlseilen gesichert. Das Ellmauer Tor ist eine, kaum ein Meter breiter, Felspalte, die sich auf einer Länge von zehn bis fünfzehn Metern zwischen zwei hohen, aufrecht stehenden Platten auftut. Als ich die andere Seite des Spalts und damit die Nordseite des Wildenkaiser erreiche ist alles weiß. Offensichtlich hat es hier noch mehr geschneit als südlich.
Der Abstieg in Richtung Stripsenjochhaus und Kaisertalhaus, wo ja mein Rad steht, ist aber deutlich einfacher als der Aufstieg. Es handelt sich um ein breites Schotterfeld mit nur mäßigem Gefälle. Man kann teilweise sogar mit großen Schritten zügig abfahren. Aufgrund des Nebels kann ich die Umgebung leider kaum sehen, aber ich höre einen Wasserfall und immer wieder kommen zwischen den Schwaden große Felsblöcke zum Vorschein, auf denen zum Teil sogar kleine Nadelbäume wachsen. Eine Tour bei besserem Wetter erscheint mir lohnenswert zu sein.

Am Kaisertalhaus angekommen, setze ich mich auf die Terrasse und bestelle ich mir einen Topfenstrudel mit Himbeeren und einen Kaffee. Es regnet mittlerweile zwar ein wenig, aber es gibt einen Dachvorsprung unter dem man geschützt sitzen kann. Ich habe keine Lust in der warmen Gaststube zu sitzen, weil ich weiß, dass mir mit den durchgeschwitzten Klamotten hinterher auf dem Rad richtig kalt werden würde.
Als ich wenig später auf dem Sattel sitze und die breite Forststrasse hinter rolle bin ich verdammt froh, jetzt nicht noch drei Stunden aus dem Kaisertal hinaus latschen zu müssen.