Von Chemtrails, Hausbooten und kaputten Kopfhörern.

Der Abend vor meinem Aufbruch vom Kap Lindesnes ist emotional unglaublich krass. So ein Gefühlschaos hatte ich vorher noch nie erlebt. Einerseits geht es jetzt endlich los, die Reise an die ich die letzen drei Jahre fast täglich denken musste. Ein Grund zur Freude würde man denken. Aber es geht mir so unglaublich der Stift, dass ich es kaum aushalten kann. Mir ist kotzübel und ich sitze vor meinem Zelt, vor mir der Leuchtturm und das Meer, mega schön, und ich hab einfach nur Angst. Die Strecke, die ich schon tausend Mal mit dem Finger auf der Landkarte abgegangen war, wird in Gedanken immer länger und ich habe nicht das Gefühl, als könnte ich am nächsten Tag tatsächlich die Kraft aufbringen um aufzubrechen. Es ist offensichtlich alles ein wenig viel auf einmal. Ich telefoniere daraufhin mit Kati, meiner Schwester und auch Christoffer, meinem Kumpel aus Oslo. Die Mädels beruhigen mich, machen mir Mut und sagen ich hätte wohl Angst vor meinen eigenen Erwartungen. Sie sagen sie seien stolz auf mich, andere wären noch nicht mal losgegangen. Christoffer ist da etwas pragmatischer. Er sagt, er würde überall in Norwegen Leute kennen. Wenn ich Hilfe benötigte, ich bräuchte nur anzurufen und er könnte sicher alles organisieren. Im Übrigen seien Norweger nette hilfsbereite Menschen. Und er sagt auch noch: Ihm ging es vor seiner Grönlanddurchquerung genauso, das wäre normal. Christoffer hat also auch mal Schiss, ok. Danach kann ich dann schlafen, sogar ohne in der Nacht aufzuwachen, was bei der ersten Nacht im Zelt nicht selbstverständlich ist.

Aber auch am nächsten Tag geht es mir nur so durchwachsen. Kati und ich telefonieren bei jeder meiner Pausen. Mit steigendem Blutzuckerspiegel wird meine Laune dann zwar immer kurzfristig besser, ebbte aber auch schnell wieder ab. Ich esse also einfach mehr, das hilft.

Vom 17. Mai, dem Nationalfeiertag der Norweger, bekomme ich leider nichts mit. Zwar sind einige Häuser geschmückt aber zum Feiern fährt man dann wohl doch lieber nach Kristiansand. Dort ist Kati zur selben Zeit und schaut den endlosen Paraden zu. Hier sind die Straßen leer und es fühlt sich so an, als hätten alle fluchtartig ihre Häuser verlassen, weil irgend ein Killer-Virus auf dem Anmarsch ist. So wie in einem dieser drittklassig produzierten SAT1 Filmen. Der einzige Norweger den ich treffe, ist eine Redneck der, als er mich sieht, von seiner Terrasse kommt um mir etwas von Chemtrails zu erzählen. Auch das passte irgendwie zu der Katastrophenfilmstimmung.. Ich schaffe es, mich mit dem Hinweise loszueisen, ich hätte ja noch einen langen Weg vor mir. Auf Verschwörungstheorien habe ich gerade gar keine Lust.

Ich laufe den ganzen Tag auf Asphalt herum. Links Felsen und rechts das Meer. Zum Rennradfahren eine tolle Strecke aber zum Wandern mit Kopfkino doch eher langweilig. Auch wenn es immer wieder tolle Ausblicke gibt, einen Zeltplatz zu finden ist nach meinen angepeilten 20 Kilometern schwierig. So muss ich bis nach Vigeland weiter. Nach meinem Geschmack viel zu weit für den ersten Tag. Mein Lager schlage ich dann am öffentlichen Badestrand des Städtchens auf, 50 Meter von einer Hauptstraße entfernt. Ich will aber einfach nicht mehr weiter und es gibt hier eine öffentliche Toilette mit Trinkwasser. Das ist ein Pluspunkt.

Am nächsten Tag nutze ich die erste Gelegenheit um so schnell wie möglich von der Strasse herunter zu kommen. Sofort als um mich herum Bäume und Seen auftauchen atme ich auf und die Anspannung fällt endlich von mir ab. Kiefern und Birken, Seen und rot angemalte Holzhäuser auf grünen Wiesen unter dem strahlend blauen Himmel. Das ist Norwegen. Ich halte meine regelmäßigen Pausen ein, was mich meinen Blutzuckerspiegel und somit auch meine Laune kontrollieren lässt. Abends finde ich einen schönen Platz, direkt an einem See in dem ein paar Felsen mit Fichten darauf herumliegen. Ein großer flacher Stein im Wasser wird kurzerhand als Koch- und Essstein okkupiert und ich mache mir mein Couscous. Ich befürchte jetzt schon, das Zeig wird mir bald kräftig zum Hals heraushängen.

Ich wache früh auf, weil die Sonne auf das Zelt knallt und ich in meinem Schlafsack langsam anfange zu schwimmen. Nach dem Frühstück geht es dann in Richtung Konsmo. Konsmo ist ein mittelgroßer Ort mit Tankstelle und Supermarkt in der Ortsmitte, welchen ich anpeile. Ich muss noch einige Lebensmittel einkaufen. Es gibt zu meinem Bedauern aber, wie schon vor meinem Abmarsch in Arendal, keine Polenta und man kennt es auch nicht. Hoffentlich gibt es in Norwegen nicht nur Reis und Couscous, denke ich. Das kann aber ja kaum sein, es gibt hier nämlich sogar Quinoa… Vielleicht heißt es hier auch einfach nur anders, ich werde es noch rauskriegen und kaufe erstmal neues Couscous. Dann frage ich die Verkäuferin nach einer geeigneten Stelle um ein Zelt aufzubauen und sie schickt mich weitere acht Kilometer nach Norden. Dort sein ein schöner öffentlicher Strand mit Badesteg und Sprungturm, sie ist dort oft mit ihren Kindern und ein Zelt könne man auch aufbauen.

Die ersten vier Kilometer der Strecke führen entlang einer Strasse, die nicht eine einzige Kurve macht. Ich habe es auf der Karte nachvollzogen, es stimmte wirklich, schnurgerade… Mega anstrengend, wenn man schon etwas angezählt ist aber eine gute Gelegenheit mal in mein Hörbuch „Sauerkrautkoma“ hineinzuhören. Franz Eberhofer und der Rudi vertreiben mir die Zeit. Jedenfalls für eine Stunde, als ich nämlich bei der ersten Pause meinen Rucksack abnehme, verfangen sich meine Kopfhörer im Beckengurt und reißen direkt am Stecker ab.

Der Strand ist dann aber tatsächlich richtig schön. Eine felsige Halbinsel mit weißem Sand, Grillplätzen und einem Häuschen mit Waschgelegenheiten und Trinkwasser. Auf der anderen Seite der Insel hört man Technobeats. Jugendliche sitzen mit Sofas auf einem Steg, trinken, feiern und lassen es sich in der Sonne gut gehen. Da der Wind den Schall von mir weg trägt ist das kein Problem, ich höre nicht besonders viel.

Später am Abend wird die Musik aber plötzlich lauter und der Steg fährt um die Insel herum. Der Steg ist nämlich motorisiert, hat eine kleine Hütte darauf und sogar einen Gasgrill und eine Feuertonne. Der Steg legt an und drei Norweger kommen zu mir. Wir unterhalten uns eine ganze Weile. Auf die Einladung mit ihnen zu trinken gehe ich aber dennoch nicht ein. Ich möchte morgen regenerieren können und keinen Kater auskurieren müssen. Ich krieche in den Schlafsack.

Die Jugendlichen kosten mich dann aber leider doch die halbe Nacht. Um 22:00 verstummt zwar die Musik und die Party

Gäste verlassen den Strand. Um 24:00 dann aber wieder dröhnende Bässe und Motorengeräusch. Man hatte sich wohl doch entschieden die Party noch bis 02:00 fortzusetzen.

Dafür habe ich am nächsten Morgen dann den Strand für mich alleine. Gegen Mittag machen es sich dann zahlreiche Familien mit kleinen Kindern um mein Zelt herum in der Sonne bequem. Ich verbringe den Tag mit essen, trinken und am Strand liegen. Ich muss mich erholen, damit ich morgen wieder fit bin. Mein Schienbein macht mir etwas Sorgen, ich merke, dass da etwas ist. Es ist nicht schlimm und wenn es so bleibt ist es auch kein Problem aber meine Wanderung nach Trondheim hat ja damals gezeigt wie schnell so etwas dann plötzlich gehen kann. Zu hohe Anfangsbelastung, keine Pausen und Zack hat man eine Knochenhautentzündung..

Abends kommt die Dorfjungend zurück an den Strand. Diesmal mit einem neuem Verstärker im Gepäck. Ich krame meine Ohrstöpsel aus der Kulturtasche heraus und erinnere mich daran, unbedingt neue Kopfhörer kaufen zu müssen um mein Hörbuch weiter hören zu können.

Nachts wache ich dann von laute Rufen auf. Jemand kommt zu meinem Zelt. „Germany, Germany are you sleeping? Germany, open up your tent.“ Ich mache den Reißverschluss auf und jemand leuchtet mir mit seinem Handy ins Gesicht. Es ist einer der drei Jungs mit denen ich am Vorabend schon gequatscht hatte. Er will wissen warum ich noch da bin und wann ich weiter will oder vielleicht will er auch einfach nur mal Hallo sagen, so wie man das ja macht, nachts um 2:00.. Es kommen noch ein paar andere Norweger hinzu, und wir reden etwas. Übers Feiern, über Norwegen und über meine Streckenplanung. Ich frage ob es im nächsten Dorf eine Tankstelle gibt, weil ja morgen Pfingstmontag ist, ich mir aber neue Kopfhörer kaufen will. Ja, es gibt eine Tankstelle, aber Du kannst meine haben, Carl Olsen 70Kr ich habe noch andere. Jemand wirft mir aus der Dunkelheit seine Kopfhörer auf die Isomatte und ich freue mich. Am Schluß bringt man mir noch „Gute Nacht“ und „Schlaf gut“ auf norwegisch bei und verabschiedet sich: Ha de brå! Dann höre ich noch drei Kapitel Sauerkrautkoma und schlafe ein.