Auf der Suche nach dem überragendsten Zeltplatz und dem genialsten Blick und dem absolut schönsten Moment.

„Wo war es denn bisher am schönsten?“

Das bin ich jetzt tatsächlich schon recht häufig gefragt worden, wenn ich Menschen getroffen habe und mit ihnen ins Gespräch gekommen bin. Ich habe aber auf diese Frage bis heute keine Antwort gefunden. In den Blogs anderer Wanderer kann ich lesen wo sie gerade gewesen sind und wie schön es dort war. Mit Superlativen wird dabei in den Beschreibungen nicht gegeizt und ich habe das Gefühl, sie würden von einem Höhepunkt zum nächsten laufen und es würde dabei jedes Mal noch besser werden. Ich dachte schon manchmal: „Ach schau an, jetzt ist das also der großartigste und genialste Zeltplatz der Welt, war der nicht letzte Woche noch woanders?“. Ich war bisher nicht an dem Einen überragend schönsten Ort. Nicht weil es mir bisher nirgends gefallen hätte, sondern weil es keine Orte aber Situationen, Begegnungen und Gefühle sind, die ich bisher als besonders schön in Erinnerung behalten habe.

Vor ein paar Wochen, bin ich zum Beispiel an einer Strasse entlang gelaufen, weil der Weg durch die Berge ein riesiger Umweg gewesen wäre. Ich entschied mich für die Abkürzung und nahm einen Tag Asphalt in Kauf. Es war ziemlich warm, windstill und drückend und es fing langsam an mich zu nerven. Als mal wieder eine Stunde rum war und ich meine Pause einlegte, hörte ich im Dickicht auf der gegenüberliegenden Strassenseite ein bekanntes Geräusch. Ich suchte in der Richtung nach einem alten oder toten Baum, fand ihn schnell und auch das kleine Loch im Stamm aus dem das Geräusch kam. Ein Buntspecht hatte dort sein Nest gemeißelt, die Jungen waren bereits geschlüpft und machten mit ihrem Geschrei auf sich aufmerksam. Da die Öffnung im Stamm nur etwa 1 1/5 Meter über dem Boden lag, konnte ich mit der Kamera sehr dicht heran gehen und durch das Loch in das Nest hinein schauen und ein recht gutes Foto machen. Das war ein schöner Moment!

Vorgestern habe ich das erste Mal reife Moltebeeren gefunden und gegessen. Moltebeeren sind etwas sehr typisches für Skandinavien. Man macht Marmelade daraus oder isst sie, zusammen mit Sahne, auf Pfannkuchen oder Waffeln. Im Mai, als ich im Süden loslief, habe ich schon die ersten gesehen, da waren sie aber noch rot und hart. Jetzt bin ich bereits so lange unterwegs, dass sie in der Zwischenzeit groß, orange und reif geworden sind. Sie schmecken ein bisschen wie Aprikosen. Ich hatte noch nie zuvor selbst Moltebeeren gepflückt. Es war das erste Mal und sie schmeckten super!

In der Hardangervidda bin ich einmal aus Sehnsucht auf einen hohen Hügel gestiegen, weil ich die Hoffnung hatte, dort Empfang für ein Telefonat mit Kati zu bekommen. Plötzlich flog ein Adler dicht über mir hinweg und drehte dann seine Kreise. Auf einem Stein sitzend konnte ich ihn beobachten und genauer betrachten: Die großen Schwingen und die Zeichnung im Gefieder. Später ging die Sonne rot unter und man sah als Siluette den Harteigen und weit in der Ferne den Gletscher. Ansonsten war es still und niemand sonst war in der Nähe. Ein sehr schöner Moment.

Kati und ich lagen schon im Zelt und waren recht kaputt vom Tag als sich plötzlich ein seltsam roten Licht im Zelt ausbreitet. Wir öffnen den Reißverschluss und sehen einen grandiosen Sonnenuntergang. Es hatte vor kurzem noch geregnet und es war viel Feuchtigkeit in der Luft, in der sich das Licht fing. Der ganze Himmel war rot-orange und das Syrlana Gebirge zeichnete seine scharfen Konturen wie ein Scherenschnitt dagegen.

In Storlien habe ich das Päckchen, welches Christoffer für mich an der Zollstation hat hinterlegen lassen, abgeholt. Darin waren Gummibärchen, Schokolade, Bier und getrocknetes Fleisch. Alles tolle Sachen und ich habe mich riesig gefreut. Dann sah ich, dass das Päckchen gar nicht alleine von Christoffer, sondern auch von Paul kam. (Paul und Christoffer haben mich vor zwei Jahren mit auf Skitour ins Espedalen genommen) Daraufhin habe mich gleich ein zweites Mal gefreut. Die kleine Flasche Linie Aquavit, die auch in der Kiste war, werde ich bis zum Nordpolarkreis tragen und dort trinken. Und auch darauf freue ich mich schon.

Wo soll nun also der schönste Punkt gewesen sein? An der Hauptstraße an der ich den Specht beobachten konnte? Oder auf dem Bahnhofsvorplatz von Storlien, was ein richtig hässlicher Ort ist, wo ich das Päckchen von Christoffer und Paul geöffnet habe? Oder die feuchte und mückenverseuchte Wiese auf der die Beeren wuchsen? Dann schon eher auf dem Felsen in der Hardangervidda oder vor dem Syrlana Massiv. Dort aber auch nur wegen des Wetters oder der besonderen Situation. Bei drei Grad, Sturm und Regen hätte ich dort nicht unbedingt sein wollen.

Das sind aber natürlich nur Beispiele für schöne Situationen. Es gibt viele davon, jeden Tag. Manche würden sicher viel unbedeutender erscheinen, würde ich von ihnen erzählen. Gerade sitze ich zum Beispiel vor dem Zelt in der Sonne. Es ist noch angenehm kühl, man merkt aber schon jetzt, dass es wieder warm werden wird. In der Ferne bimmeln ein paar Schafe mit ihren Glocken herum. Etwa einen Kilometer entfernt im Tal liegt ein großer See, kleine Inseln sind darauf und die Bäume am Ufer spiegeln sich in der Wasseroberfläche. Dahinter stehen Berge auf denken Gipfeln och vereinzelt Schnee liegt. Ist das der schönste Ort meiner bisherigen Tour? Ist es hier am schönsten? Ja, Nein, keine Ahnung. Aber vielleicht ist es ja jetzt in diesem Moment ein für mich sehr, sehr schöner Ort. Und das wäre dann doch auch schon sehr viel wert. Vielleicht ist es auch gar nicht so gut den schönsten Platz zu suchen oder bestimmen zu wollen, weil man dann die anderen schönen Ort abwerten würde. Man bräuchte ja auch nicht weiter zu laufen, hätte man auf der Hälfte der Reise schon den absolut schönsten Ort gefunden. Dann wäre es ja schlauer einfach setzten zu bleiben. Vielleicht ist es ja eine gute Idee nur zu versuchen, jedem Ort etwas schönes abzuringen. Vielleicht kann man dann ja jeden Tag irgendwo etwas sehen, erleben oder fühlen und das dann als schön abspeichern. Ich bin noch nicht gut darin und immer noch damit beschäftigt es zu lernen, aber ich übe jeden Tag und es scheint, als würde ich langsam besser darin.