Besuch aus der Heimat, wegloses Gelände und der geografische Mittelpunkt Norwegens

Man kann den geografischen Mittelpunkt eines Landes bestimmen. Das funktioniert offensichtlich auch bei einem Land wie Norwegen, das sich wie eine Banane krümmt. Würde man ein möglichst kleines Rechteck oder einen möglichst kleinen Kreis um Norwegen zeichnen, und dann den Mittelpunkt dieser simplen geografischen Form bestimmen, würde der Mittelpunkt sicher irgendwo in Schweden liegen, oder sich weiter im Osten. Das tut er aber nicht, berechnet man den geografischen Mittelpunkt nämlich anders als von mir beschrieben, aber wohl auch immer anders, je nachdem wer rechnet. Für meine Tour ist das aber vielleicht auch nicht so wichtig. Wichtig ist eher, dass wir vor drei Tagen an dem Stein mit der Metallplatten standen der genau diesen Punkt, irgendwo im Nirgendwo, markiert. Es war kalt und nass und neblig. Man konnte eigentlich nicht viel sehen. Vermutlich wäre das aber auch bei Sonnenschein nicht anders gewesen, wird der Punkt ja errechnet und nicht an einer besonders schönen Stelle errichtet. Trotzdem ist es ein markanter Punkt und für jemanden, der sich vorgenommen hat vom südlichsten bis zum nördlichsten Punkt Norwegens zu laufen, irgendwie ja eine wichtige Wegmarke. Die Hälfte der Strecke ist aber trotzdem noch nicht gemacht, denn Luftlinie liegt Lindesnes noch immer näher als das Nordkap. Trotzdem ein Teilerfolg, finde ich. Der nächste virtuelle Punkt auf der Landkarte ist dann eigentlich der Nordpolarkreis, danach das Ländereck Norwegen – Schweden – Finnland.

Etwa eine Stunde hinter dem großen Stein mit der gravierten Metallplatte hören die Wegmarkierungen auf. Der E1 verläuft weiter durch das Blåfjell, allerdings über einen unmarkierten Pfad. Im GPS Gerät verläuft einfach eine kilometerlange gerade Linie direkt durch ein Tal, an einem Gebirgszug entlang um dann einen Haken nach Südosten zu schlagen und sich dann weiter nach Røyrvik zu orientieren. Weil wir noch etwas Verpflegung einkaufen wollen und vor allem aber auch Sarah, die uns seid Storlien begleitet hat, am Bahnhof in Snåsa abliefern wollen, entscheiden wir uns einfach per Marschkompasszahl durchs Gelände und über die Berge zu laufen und verlassen den E1. Es funktioniert überraschend gut. Wir peilen einfach in regelmäßigen Abständen einen markanten Punkt im Gelände an und laufen darauf zu. Dort angekommen, wir ein neuer Punkt bestimmt und als neues Zwischenziel angelaufen. Die sanften Hügel des Fjells sind dabei ein sehr dankbares Gelände. Alles lässt sich einfach gehen und man hat, aus Ermangelung an hohem Bewuchs, einen guten Rundumblick. Da es keine Wege und auch keine Markierungen gibt, passt man seinen Weg, ganz automatisch, nach kürzester Zeit den Gegebenheiten an. Entlang eines Felsbandes, herum im den kleinen See, immer auf der gleichen Höhe entlang um die Hügelkuppe. Und manchmal auch einfach nur deshalb im Schutz eines1 langen Grabens, um dichter an die Rentiere heranzukommen, die in einigen Metern Entfernung stehen.

Ab Morgen geht es dann weiter in Richtung Røyrvik. Es sollte möglich sein, den Ort in sechs Tagen zu erreichen. Dort muss dann dringend neuer Proviant eingekauft werden, weil es danach, im Børgefjell, für etwa zehn Tage nichts mehr zu kaufen gibt. Auf Luxus wie Brot und Käse muss dann verzichtet werden, es zählt dann nur noch das Verhältnis Kalorien zu Gewicht und Packmaß. Es wird also auf Haferflocken, Couscous, Nüsse und Kekse herauslaufen.

Sarah ist dann nicht mehr dabei. Es ist komisch für mich, auf dieser Tour Besuch zu haben. Gar nicht wegen der Zeit, die man gemeinsam verbringt, das ist toll, aber wegen des Abschieds hinterher. Weil jemand eben einfach nach Hause fliegt, wieder zurück in den Alltag, in den Beruf, in die eigenen vier Wände. Sarah hat mir sicher dabei geholfen, dass der Abschied von Kati leichter war, hatte ich doch sofort wieder etwas um die Ohren und nur wenig Zeit zum Grübeln. Kati und Sarah hatten sich in Storlien, nicht nur sprichwörtlich, die Wanderstöcke übergeben. Kati ist mit dem selben Zug zurück nach Trondheim gefahren, mit dem Sarah in Storlien angekommen war. Kati saß also von einer auf die andere Sekunde alleine in dem Zug. Ich hatte gleich wieder Besuch. So war es für Kati auch schwerer, alleine nach München zu fliegen und wieder im Alltag anzukommen als für mich. Ich hatte sofort wieder eine neue ungewohnte Situation, an die ich mich gewöhnen konnte. Wenn Sarah morgen auch nicht mehr dabei ist, wird aber auch hier der „normale Wanderalltag“ wieder einkehren. Ich bin gespannt wie es mir dann damit geht. Langweilig ist es bisher nicht geworden. Und ich bin froh, mich abends noch immer auf den nächsten Tag, und das was mit ihm kommt, zu freuen. Und was morgen so kommt, werde ich ja sehen…