Diesen Text habe ich für meine ehemaligen Kollegen bei der Süddeutschen Zeitung geschrieben. Dort habe ich ja, bevor ich meinen Rucksack packte und mich am Leuchtturm von Lindesnes auf den Weg zum Nordkap machte, gearbeitet. Ich war als sogenannter „Scrummaster“ und „Agile Coach“ angestellt und habe ein Team von Designern, Redakteuren und Softwareentwicklern dabei unterstützt, ihre selbstgesteckten Ziele zu erreichen. Ich habe Strukturen geschaffen die hilfreich waren und unnütze abgeschafft. Ich habe mir Gedanken über Probleme, und Hindernisse und einem besseren Teamgefüge gemacht und daran gearbeitet. Außerdem habe ich stets versucht, meinen Kollegen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Habe ich dabei Fähigkeiten erlernt, die mir jetzt hier auf meinem Weg helfen? Oder lerne ich jetzt gerade Dinge, die mir damals hätten helfen können? Ich habe hier viel Zeit und ich habe angefangen mir darüber Gedanken zu machen. Dabei sind mir durchaus Parallelen aufgefallen. Liebe Kollegen, ich möchte diese Gedanken mit euch teilen und so einen Gruß in euren Turm mit Alpenblick senden. Hoffentlich langweile ich euch nicht schon mit der reinen Länge dieser Bleiwüste aber ich habe so viel Zeit 🙂

Die Produkt- und Softwareentwicklung und auch Teambuilding sind eher langfristige Projekte. Genau so wie meine „Norge på langs“ Wanderung über 2500 Kilometer, dauert es unter Umständen Monate ein Produkt zu entwickeln oder ein Team richtig aufzustellen. Egal ob ich mit einem Entwicklerteam an einer Produktidee arbeite oder ob ich über viele Wochen hinweg auf Wanderschaft gehe, es ist wichtig zu wissen, wo die Reise hingehen soll. Ich benötige ein Ziel, eine Perspektive und etwas, das mich jeden Morgen aufstehen lässt und mich immer wieder motiviert weiter zu gehen. So ein Ziel gibt mir dann auch eine Richtung vor und hilft mir bei der Orientierung. So ist es dann auch möglich, die eingeschlagene Richtung ständig zu überprüfen und gegebenenfalls auch zu korrigieren. Das ist meine Vision.

Dennoch, es ist kaum möglich, jeden Tag aufs Neue, nur das eine große Ziel vor Augen zu haben. Je größer so ein Ziel nämlich ist, desto weiter ist es meistens auch entfernt. Und je weiter ein Ziel entfernt ist, desto schwieriger ist es auch es zu erreichen. Dabei hilft es dann aber, den Weg in kleine Teile zu zerlegt. Ich habe mir während der Planung meine Tour in acht große Abschnitte zerteilt, alle zwischen 300 und 400 Kilometer lang. Ich hielt das für schlau und übersichtlich. Das war aber, wie ich schnell merkte, immer noch viel zu weit. 300 Kilometer sind, wenn man gut voran kommt, ein Marsch über fast zwei Wochen. Man hat dann aber noch nicht einen einzigen Ruhetag eingelegt. Es fiel mir anfangs sehr schwer mich zu motivieren und ich fing bald an, an der Sinnhaftigkeit des gesamten Plans, zu zweifeln. Also versuche ich mir jetzt kürzere Etappenziele zu setzten: Der Ruhetag in der nächsten Stadt mit Ausblick auf ein Bier und eine Tüte Chips, ein Frühstück mit Eiern und Speck oder mit Müsli und Joghurt in der nächsten bewirtschafteten Hütte. Das sind Ziele, die nur fünf oder sechs Tage entfernt und somit viel greifbarer sind. Und das Gleiche mache ich auch tagsüber: Der Ausblick von der nächsten Hügelkuppe hinab ins Tal, frisches Wasser am nächsten Bach, die nahende Pause und der Lagerplatz am Abend. Pausen spielen beim Wandern eine ebenso große Rolle wie das laufen selbst. Ich mache nach genau einer Stunde eine erste Pause, 30 Minuten lang, ohne Rucksack, einfach nur sitzen und gucken, einen Schluck trinken und eine Kleinigkeit essen. Dann geht es für genau 60 Minuten weiter. Ich stelle mir den Timer meiner Uhr. So weiß ich genau, wann Zeit für die nächste Pause ist, ermüde nicht und falle auch nie in ein Leistungstiefe und so in ein Motivationsloch. Und so gibt es regelmäßige Zwischenziele, die ich erreichen und über die ich mich dann auch freuen kann. Ich finde, dass alles ist doch im Grunde mit Tasks, Backlog-Items, Sprints und Epics zu vergleichen. Je kleiner man seine Tasks schneidet, desto schneller sind sie erledigt und desto häufiger hat man das gute Gefühl, etwas geschafft zu haben. Und je greifbarer und sinnvoller Sprints und Epics geschnitten sind, desto mehr Spass macht es auch, auf das definierte Ziel hinzuarbeiten. Es motiviert, wenn das Ziel gut zu erkennen und auch zu erreichen ist.

Pausen sind genau so wichtig wie das Wandern selbst

Das ist jetzt natürlich nur die Sicht, die reine Erreichung eines Ziels blickt. Sie geht davon aus, dass es am Ende nur um genau diese eine zuvor definierte Ziel geht. Vielleicht ist das aber gar nicht immer der Fall. Planen wir in Scrum und unserem agilen Umfeld nicht deshalb schrittweise, weil wir auf neue Situationen und externe Entwicklungen reagieren können wollen ohne eine detaillierte Planungen der Zukunft umsonst gemacht zu haben?

Die Planung meiner Tour war anfangs alles andere als agil. Eigentlich war es ein klassischer Wasserfall. Das Startdatum war fix, das Ziel und somit auch der Umfang waren klar und der Zeitrahmen war begrenzt. Es hat Monate gedauert, bis ich mein Material meine Listen und meine Route geplant hatte. Jeden einzelnen Kilometer hatte ich als GPS Track modelliert und Hütten, Tankstellen und Supermärkte eingetragen. Ich schrieb Excel Listen, mit Wegpunkten, Entfernungen und Tagesangaben und plante sogar die Ruhetage mit ein. Danach besorgte ich mir noch alle benötigten Karten als PDF und im OpenStreetmap Format. Jetzt bin ich unterwegs und es ist alles anders. Sowohl die geplante Strecke als auch den Zeitplan habe ich schon lange verworfen.

Was tue ich nun aber stattdessen? Man muss dazu wissen, dass ich schon seid der dritten Woche mit einem anderen Wanderer gemeinsam laufe. Wir haben uns zufällig getroffen, sind ein paar Tage gemeinsam unterwegs gewesen und haben schnell gemerkt, dass wir gemeinsam mehr Spass haben und auch besser voran kommen. Ich würde uns nun nicht gleich Scrum-Team nennen, dafür fehlen natürlich diverse Rollen im Team. Aber wir sind eine Art Seilschaft mit gleichem Ziel und sehr ähnlichem Werteverständnis. Wir sind fokussiert auf unser gemeinsames Ziel, ehrlich und respektvoll im Umgang miteinander, wir geben uns Feedback und sind zeitweise vielleicht auch mutig, wenn wir auf der Suche nach dem kürzesten Weg mal einen Wasserfall hinaufklettern oder durch einen Fluss schwimmen um das Boot vom anderen Ufer zu borgen und uns so 40km Umweg zu ersparen.

Manchmal kann man auch unkonventionelle Wege schwimmen um ein Problem zu lösen..

Aber was erinnert mich an unserem Vorgehen denn jetzt an SCRUM, agile und die ganze Arbeitsweise? Wo sind denn genau die Parallelen?

  • Wie ich ja Eingangs schon gesagt habe, gibt es ein großes Ziel an dem wir uns orientieren. Das ist unsere Vision.
  • Es gibt regelmäßig neue Teilziele, welche innerhalb der nächsten Woche erreicht werden sollen. Diese Ziel definieren wir beide gemeinsam, nachdem wir sie eingeschätzt und für realistisch befunden haben. Das ist unsere Sprintplanung
  • Die Tage werden in handliche Teilstücke zerlegt: 60 Minuten laufen, 30 Minuten Pause, 60 Minuten laufen, 30 Minuten…. Das sind unsere Tickets, auf deren Größe wir uns gemeinsam geeinigt haben.
  • Vor jeder neuen Planung schauen wir uns an, wie schnell wir gewesen sind, wie weit wir im Schnitt gelaufen sind und ob die Menge unserer Lebensmittel gut kalkuliert war. Diese Beobachtungen fließen natürlich mit in die nächste Planung ein.
  • Wir bemühen uns ein gleichbleibendes Tempo einzuhalten und niemals über unsere Erschöpfungsgrenze hinaus zu laufen. Ich glaube, dass sich das auf lange Sicht auszahlt.
  • Ist nach einer Woche ein weiteres großes Etappenziel erreicht, legen wir einen Ruhetag ein und belohnen uns mit Burgern und Bier, Eis oder Pizza. Dabei quatschten wir über die letzte Woche. Das ist unsere Retrospektive samt Retrokuchen.

Ich habe hier gelernt, wie wichtig es ist kleine Schritte zu gehen. Versucht man, sich nur auf das eine große Ziel, in meinem Fall das Nordkap, zu fokussieren, fällt es sehr schwer sich zu motivieren. Das Ziel ist viel zu weit entfernt als das es eine gute Motivation bieten könnte. In meinem Fall hat es sogar das Gegenteil bewirkt. Mir in Situationen, in denen ich keine Lust mehr zu laufen hatte, zu sagen dass ich ja zum 2X00km entfernten Nordkap laufen will, was wohl schätzungsweise auch noch 4 Monate dauert, war nicht so wahnsinnig hilfreich. Dann war es immer besser sich auf die nächste Kekspause in 60 Minuten zu konzentrieren. Oder auf den Kaffee abends im Zelt oder eben den Burger in vier Tagen. Und plötzlich taten auch die 40km Asphalt gar nicht mehr so weh, müssen halt leider gerade mal sein, lohnt sich doch aber auch….

In der Gruppe sind auch mal schlechte Bedingungen gut auszuhalten

Und ich habe noch etwas für mich gelernt. Es ist ungemein wichtig, darauf zu achten, jeden Tag zu genießen und auszukosten. Ich versuche jeden Tag Spass bei dem zu haben was ich gerade tue. Was vielleicht etwas esoterisch klingt hat dennoch einige Parallelen zum agilen Arbeiten. Auch wenn meine große Vision Nordkap heißt, so ist die Mission doch eher die, drei bis vier Monate eine gute Zeit in Norwegen zu verbringen. Und meine Strategie heißt jeden Tag zu Wandern, zu Fotografieren und draußen in der Natur Zeit zu verbringen. Jeder einzelne Tag wird so quasi zu einem weiteren Inkrement meiner „Norge på langs Produktentwicklung“. Ganz ähnlich dem agilen Vorgehen, muss jedes Inkrement so klein sein, dass man es zeitnah fertig stellen kann aber auch einen ausreichend großen Mehrwert bieten um damit zeitnah an den Markt gehen zu können. Nur so kann ich jederzeit mit meiner Entwicklung aufhören und habe immer ein lauffähiges Produkt. Wenn ich versuche mir, an jedem Tag meiner Wanderung, einen guten Tag zu machen, dann kann ich auch aufhören bevor ich ganz im Norden angekommen bin. Ich hätte dann das Nordkap natürlich nicht erreicht, aber im Zweifel doch verdammt gute Reise gehabt. Würde ich nur stur nach Norden laufen ohne die Zeit auszukosten und es würde mir irgendetwas passieren, etwas was mich daran hindert weiter zu machen, dann bliebe nichts als Enttäuschung. Auf eine Produktentwicklung gedacht hieße das: Das Projekt ist gescheitert und das Produkt leider nicht Marktreif. Alles umsonst.

Um aber noch schnell auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Hat mir die Scrummasterei auf meiner Tour geholfen oder habe ich hier Dinge gelernt die mir, im Falle einer Rückkehr in die SCRUM Welt, helfen werden? Wahrscheinlich beides. Ich stolpere ja immer wieder über Parallelen, so wie diese die ich beschrieben habe. Und dann denke ich: Hey das ist ja eigentlich genau so wie…. Oder ich tue hier Dinge weil ich sie für richtig und sinnvoll halte und danach merke ich, dass ich das in einem zukünftigen Softwareprojekt vielleicht auch so machen oder wenigstens probieren würde. Was aber in jedem Fall bleiben sollte, ist die Taktik der kleinen Schritte, der Pausen und der Freude bei dem was ich tue. Ich glaube das ist das Wichtigste. Manchmal denke ich, dass mein selbstgestecktes Ziel, das Nordkap, vielleicht viel zu starr ist und korrigiert werden müsste. Wäre es eventuell besser gewesen, es „Wandern und eine gute Zeit in Norwegen verbringen“ zu nennen? Aber wäre mir das dann nicht doch zu schwammig gewesen? Es hätte ja kein klares Ziel gegeben und somit hätte die Richtung der Wanderung, und damit die Orientierung, gefehlt. Ich glaube das Nordkap ist für mich weiterhin als Ziel und Vision wichtig aber nicht mehr alles was zählt.