Von Lysebotn bis Haukeliseter – Trekking abseits von Hardangervidda, Rondane und Co.

Man kann Sie dort oben sehen, wie sie, winzig klein, an der Kante stehen, vorsichtig in den Fjord hinunter schauen und für ein Foto posieren. Mittlerweile sind es jährlich etwa 300.000 Touristen, die den Preikestolen besuchen. Das markante Felsplateau liegt unweit von Stavanger entfernt und erhebt sich 604 Meter über den Lysefjord. Die Besucher kommen, um den Weitblick zu genießen und den schaurigen Tiefblick in den Fjord zu riskieren. Viele wagen sich das letzte Stück bis an die Kante auch nur auf dem Bauch liegend heran. Die Schiffe auf dem Wasser wirken von hier winzig klein. Sie ziehen eine lange, weiße Spur Gischt hinter sich her. Der Ort Lysebotn ganz am Ende des Fjords ist kaum zu erahnen und so weit das Auge reicht sieht man einzig Berge, Felsen und Himmel. Man bekommt hier einen ersten Eindruck von der Weite der Landschaft.

Der Preikestolen ist auch vom Wasser aus beeindruckend.
Der Fähranleger von Lysebotn liegt ganz am Ende des Lysefjords.

Wem ein Eindruck nicht ausreicht, dem sei eine Trekkingtour abseits der Touristenströme ans Herz gelegt. Schon wenige Kilometer entfernt kann man tagelang wandern, ohne eine Strasse zu überqueren oder auch nur eine Handvoll Menschen zu treffen. Das Gebiet Ryfylkeheiene liegt in der Provinz Rogaland und reicht im Norden bis an die Hardangervidda heran. Und bis dort, an das südlichste Ende dieses größten und vielleicht bekanntesten norwegischen Nationalparks, führt die Tour. Genauer gesagt, bis zur der Fjellstation Haukelister. Aber bis dahin sind es rund 140km.

Rucksack auf und los

Am Fähranleger in Lysebotn angekommen, schultert man den Rucksack, steigt von Board und läuft los. Anfangs noch auf Asphalt, nach wenigen hundert Metern dann aber schon auf Schotter und dann, kurz darauf, nur noch auf einem schmalen Pfad. Der Weg führt nun, steil empor durch dichten Birkenwald, links unten fließt ein Bach. Eine Hochspannungsleitung ist der einzige Hinweis auf Zivilisation. Ein verlässliches Mobilfunksignal wird es erst wieder geben, wenn der letzte Bergkamm überwunden wurde und nach fast zwei Wochen wieder die erste Strasse in Sicht kommt.


Von Beginn an ist das Gelände anspruchsvoll. Auf den ersten 10km müssen bereits 1000 Höhenmeter überwunden werden. Dabei lässt man dann auch die Baumgrenze schon unter sich. Diese liegt, so weit im Norden, deutlich unter dem Niveau von Mitteleuropa. Oft schon ab 600 Metern wachsen nur noch vereinzelt kleine Sträucher. Nun sieht man Flechten an Felsen und Moose zwischen den Hügeln wachsen. Dort wo es besonders feucht ist steht Wollgras.

Markierungen – Das rote T

Gut sichtbare Wegmarkierungen weisen den Weg durchs Fjell.

Es gibt nur wenige Wege. Und da diese viel über Fels und Geröll führen, sind sie oft auch nicht gleich als solche zu erkennen. Dennoch findet man sich zurecht, da es überall Markierungen und an Abzweigungen Wegweiser gibt. Immer wieder findet man auf Steinen das typische rote T gemalt, welches auf den norwegischen Wanderverein verweist. Der DNT kümmert sich im ganzen Land um die Pflege und Markierung der Wanderwege. Ohne Navigationskenntnisse, Karte und Kompass und/oder GPS-Gerät sollte aber dennoch niemand aufbrechen. Bei Regen, Schnee oder Nebel reicht die Sicht unter Umständen nicht aus, um das nächste rote T zu finden. Und auch Schneefelder können Markierungen verdecken. Ohnehin kann das Wetter hier schnell umschlagen. Auch im Sommer können die Temperaturen bis an den Gefrierpunkt fallen. Man sollte dann nicht die Orientierung verlieren und sich nicht verlaufen.

Die Hütten

Neben dem Wegenetz unterhält der DNT über 500 kleine und größere Hütten in ganz Norwegen. Zur Grundausstattung gehört immer eine kleine Küche mit Gasherd, Betten und ein kleiner schmiedeeiserner Ofen samt Brennholz. Und auch Fließendwasser gibt es: Direkt hinter dem Haus fließt ein Bach. Für gewöhnlich liegen die Hütten zwischen 10 und 20 Kilometern von einander entfernt. Es wäre also auch möglich, sich ohne Zelt auf den Weg von Lysebotn bis nach Haukeliseter zu machen und so das Gewicht des Rucksacks auf ein Minimum zu senken. Wer sich aber lieber nicht festlegen möchte wie lang eine Tagesetappe sein soll und wer es genießt völlig unabhängig zu bleiben, der darf, dank des Jedermannsrechts, fast überall ein Zelt aufschlagen. Aber auch wer nicht in den Hütten schläft kann von ihnen profitieren. Die meisten besitzen nämlich sogar eine Vorratskammer in der Lebensmittel gekauft werden können. Das Sortiment reicht von Haferflocken, Suppen, Nudeln und Reis auch über Marmelade, Kaffee und Kekse. Ein kulinarisches Feuerwerk lässt sich so nicht abfackeln aber wer schon mal Lebensmittel für zwei Wochen getragen hat, ist dennoch dankbar. Bezahlt wird übrigens auf Vertrauensbasis. Neben einer Preisliste liegen die Vordrucke für eine Einzugsermächtigung. Natürlich ist es etwas teurer als im Geschäft aber die Preise sind wohl völlig angemessen, bedenkt man, dass die Vorratsräume nur per Hubschrauber oder im Winter mit dem Schneemobil versorgt werden können. DNT Mitglieder bezahlen natürlich weniger.

Überall Wasser

Überall im Fjell gibt es Wasser. Von jedem Gipfel rinnt, fließt und plätschert es irgendwo herunter. Immer ist irgendwo Wasser zu hören. Aus Rinnsalen werden Bäche. Bäche fließen in Seen hinein um dann auf der gegenüberliegenden Seite wieder abzulaufen, sich mit anderen Bächen zu vereinen und wenig später den nächsten See zu speisen. Ständig steigt oder springt man über Wasserläufe. Brücken gibt es kaum. Aber die meisten Flüsse sind eh so flach, dass man über Steine im Wasser balancieren kann um trockenen Fußes auf die andere Seite zu kommen. Nur sehr selten müssen die Wanderstiefel ausgezogen werden um ans gegenüberliegende Ufer zu waten. Die Trinkwasserversorgung ist damit nie ein Problem. Das Wasser ist so sauber, dass aus jedem Bach getrunken werden kann. Viele Norweger haben statt einer Flasche übrigens nur einen Becher am Rucksack hängen. Sie trinken dann einfach dort, wo sie gerade Durst bekommen.

Obwohl das Gelände auf Landkarten zumeist flach aussieht, ist das Profil nicht zu unterschätzen. Mehr als drei Kilometer in der Stunde legt man in dem welligen Terrain selten zurück. Ständig geht es ein paar Meter hinauf und sogleich auch wieder hinunter. So sammeln sich über den Tag schnell ein paar Hundert Höhenmeter an. Hinzukommt, dass der Weg selten geradeaus führt, sondern sich zwischen all den Felsen, Bächen und Seen hindurch schlängelt. Nicht selten durchquert man tiefe Rinnen in denen große Felsbrocken liegen. Sind die Brocken klein, kann man von einem auf den nächsten springen. Sind sie aber größer, bewegt man sich fast kletternd voran. Über die Zeit lernt man den Untergrund zu lesen. Welcher Stein ist rau und bietet dem Stiefel guten Halt? Wie sehen die Algen aus, die immer so rutschig sind? In welchen Untergrund kann man gut Heringe schlagen und wo steht ein Zelt besonders gut? Unter welchem Moos steht 30cm tief das Wasser? Und welches Gras ist ein Zeichen für feuchten Boden und Mückenschwärme?

Bei Nebel in höhen Lagen kann die Orientierung schwierig werden

Langweilig und karg? Mitnichten!

Für den einen oder anderen mag die Landschaft langweilig und karg erscheinen.
Die einzig vorherrschenden Farben sind Grün und Grau, bei gutem Wetter kommt das Blau des Himmels hinzu. Das Land ist weit und still. Keine lauten Geräusche, keine starken Gerüche und keine bunten Farben. Man hört den Wind, ab und an einen Vogel und sonst nur die eigenen Schritte, den eigenen Atem, sich selbst.


Je länger man hier unterwegs ist, desto mehr schärfen sich die Sinne. Mit der Zeit nimmt man dann immer mehr Details wahr. Man entdeckt die gelben und hellgrünen Flechten auf den Felsen die weißen Blüten der Blaubeeren am Hang und die kleinen rosa Blumen, die aus einigen Felsspalten wachsen. In den Pausen kommen Schmetterlinge angeflogen und setzten sich auf die Socken, die zum trocknen im Gras liegen. Die Sonne scheint durch die Lücken zwischen den Wolkentürmen hindurch und beleuchtet einzelne Hügelkuppen. Weil meistens der Wind weht und die Wolken davon bläst, verändert sich das Licht laufend. Eine dramatische Lichtstimmungen jagt die nächste. Abends, wenn der Wind nachlässt, hört man die Fliegen und Mücken surren und man riecht das Moos und die Flechten. Der See liegt nun ganz glatt da und die Berge ringsum spiegeln sich im Wasser. In der Ferne gluckst irgendwo ein Schneehuhn. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Spätestens jetzt hat man mehr als nur einen bloßen Eindruck von diesem wunderschönen Landstrich gewonnen. Man ist tief in die Weiten des norwegischen Fjells eingetaucht.